Bruthabitat

Primäre Bruthabitate

Lachseeschwalben sind aus ökologischer Sicht keine Meeres- oder Seevögel. Das primäre Bruthabitat sind dynamische Pionierlebensräume in limnischen oder brackigen Schwemmlandschaften, also Seen, Flüsse und Ästuare mit natürlichen Uferstrukturen und starken Wasserstandsschwankungen, die als Nahrungsräume dienen, und beweglichen Sedimenten ohne Vegetation oder mit frühen vegetationsarmen Sukzessionsstadien zur Nutzung als Brutplatz. In historischer Zeit war dieser Lebensraumtyp auch in Schleswig-Holstein und dem übrigen norddeutschen und dänischen Flachland auf großen Flächen vorhanden. Im Frühmittelalter verlief die Küstenlinie in Dithmarschen und Nordfriesland weit landeinwärts entlang der heutigen Geestkante. Seewärts und in den Mündungsgebieten von Elbe, Weser, Jade und Ems erstreckte sich eine Salz- und Brackwassermarsch, in der sich Sedimente gemäß der hydrologischen Dynamik abtragen, umlagern und in Form vieler kleiner und großer Inseln und Sandbänke ständig neu anordnen konnten. Auch im Binnenland fanden sich weiträumige, unzugängliche Überschwemmungslandschaften, in denen nach der Schneeschmelze erst im Laufe des Frühlings der Wasserstand sank. Brutvorkommen von Lachseeschwalben waren daher keinesfalls auf die Küstenregionen beschränkt, wie die Vorkommen in den Steppen Kleinasiens noch zeigen. Die heutigen Restbestände sind nur deshalb auf die Küsten reduziert, weil alle geeigneten Habitate im Binnenland durch Entwässerung und fehlende natürliche Dynamik unbrauchbar wurden oder ganz verschwanden. Im land- und wasserwirtschaftlich zunehmend industrialisierten Europa zogen sich Lachseeschwalben in die nach wie vor relativ dynamischen Ästuare großer Flüsse zurück, wo wir sie heute noch antreffen können – z.B. an Elbe, Donau, Rhone, Po, Tejo und Ebro.

Zonierung im Bruthabitat der Seeschwalben- und Lachmöwenkolonie im Neufelderkoog-Vorland (3.8.15, Foto: N. Kempf)

 

Sekundäre Bruthabitate

Mit dem Verschwinden primärer Bruthabitate gewannen sekundäre, also von Menschen zufällig geschaffene Ersatzlebensräume, an Bedeutung. Im Mittelmeerraum können dies Reisfelder und künstliche Lagunen zur Salzgewinnung sein, in Schleswig-Holstein geeignete Flächen in der durch Küsten- und Uferschutz gestalteten Landschaft, z.B. Landgewinnungsflächen, beweidete Vorländer, künstliche Inseln und frühe Sukzessionsstadien nach Eindeichungen, Kleientnahmen und Aufspülungen. Derzeit finden wir an der festländischen Nordseeküste die Ansprüche an das Bruthabitat koloniebrütender Seeschwalben vor allem auf den mit Schafen beweideten Vorländern realisiert, welche im Frühjahr zusätzlich durch Gänsefraß bis weit in die Vegetationsperiode hinein kurz gehalten werden. Dieser kurze, aber intensive Fraßdruck, vor allem durch die Nonnen- oder Weißwangengans (Branta leucopsis), führt alljährlich zu Konflikten mit der Landwirtschaft, hat jedoch für den Schutz der Koloniebrüter im Neufelderkoog-Vorland eine wertvolle Nebenwirkung. Die Qualität des Bruthabitates für Säbelschnäbler, Seeschwalben und Lachmöwen bleibt über die Koloniegründungsphase hinaus hochwertig, da die Aktivität der Gänse ein frühes, hohes Aufwachsen der Vegetation hinauszögert. Auf diese Weise wird auch eine der negativen Folgen des Klimawandels für die lokale Artenvielfalt abgemildert: die zunehmend früher einsetzende Vegetationsperiode.

Im Mai fressen tausende Nonnengänse im Neufelderkoog-Vorland - gut für den Koloniestandort (12.5.21, Foto: M. Risch)

Das Bruthabitat an der Abbruchkante mit Elektrozaun - nicht idyllisch schön, aber genau richtig. (4.5.20, Foto: M. Risch)

Auf den ersten Blick sieht die Landschaft um den späteren Koloniestandort vor Brutbeginn nicht ansprechend aus - sehr kurzes Gras, blanke Trampelpfade der Schafe und andere vegetationsfreie Stellen, monoton, fast steppenartig. Für Seeschwalben und Lachmöwen ist dies jedoch der bestmögliche Zustand für einen Brutplatz und übt daher eine besondere Anziehungskraft aus. An der abgebildeten Stelle ist das Neufelderkoog-Vorland außerdem besonders hoch, bis zu 120 cm über dem mittleren Hochwasser. Dadurch ist die Kolonie vor den meisten höheren Sommerfluten geschützt. Verluste durch Hochwasser treten daher hier nicht so häufig auf wie andernorts. Im Verbund mit den Schutzmaßnahmen aus unserem Projekt haben wir hier wohl den Brutplatz mit den besten Erfolgsaussichten für Koloniebrüter an der Festlandsküste. Die Brutvögel nehmen diese Qualität wahr, u.a. durch regelmäßiges erfolgreiches Brüten, und kehren daher mit hoher Ortstreue immer wieder dorthin zurück. Aber es werden auch viele Nichtbrüter angezogen. Die Zahl der Lachmöwen-Brutpaare nahm im Projektzeitraum 2011 - 2021 z.B. von etwa 50 auf 1700 zu.

 

Gastgebende Arten

Eine unverzichtbare Voraussetzung für die Ansiedlung von Lachseeschwalben ist das Vorkommen anderer Koloniebrüter mit ähnlichen Habitatansprüchen, deren Nachbarschaft Lachseeschwalben gezielt aufsuchen und für sich nutzen. In unseren Breiten sind dies vor allem Fluss- und Küstenseeschwalbe (Sterna hirundo, S. paradisaea), Lachmöwe (Chroicocephalus ridibundus) sowie Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta), in Südeuropa auch Dünnschnabelmöwe (Chroicocephalus genei), in Amerika Schwarzmantel-Scherenschnäbel (Rynchops niger). Für eine Ansiedlung müssen die gastgebenden Arten in Koloniestärke mit deutlicher Überzahl gegenüber der Lachseeschwalbe vorhanden sein. Einzelvorkommen reichen nicht aus. Lachseeschwalben nutzen die Warn- und Verteidigungsleistungen der benachbarten Koloniebrüter ohne selbst dazu beizutragen, z.B. bei der Abwehr von Prädatoren. In Zeiten knapperen Nahrungsangebotes fressen sie gelegentlich Küken ihrer Gastgeber, weshalb man das gegenseitige Verhältnis insgesamt als halbparasitisch beschreiben könnte. Arten, die zum Sicherheitsbedürfnis der Lachseeschwalben nichts beitragen oder ihnen sogar gefährlich werden können, werden als Brutnachbarn tendenziell gemieden. Dies gilt besonders für Großmöwen, die einen abschreckenden Effekt haben, da sie in den Kolonien als Prädatoren und Störungsquelle auftreten. Die Existenz der kleinen Lachseeschwalbenkolonie in Neufelderkoog ist also direkt von der dortigen Flussseeschwalben- und Lachmöwenkolonie abhängig.